Gute Bildung für alle von Anfang an!
Alle Jahre wieder rauscht es im Blätterwald, die PISA-Studie trifft ein und das deutsche Bildungssystem bekommt "schlechte Noten". Der Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft, Kompetenzerwerb und Bildungsbeteiligung ist in Deutschland nach wie vor zu hoch. Viel zu viele SchülerInnen zeigen schlechte Leistungen in Mathematik, Lesen und Problemlösen. Die frühzeitige und individuelle Förderung, vor allem von leistungsschwächeren Kindern, bleibt daher die größte Herausforderung für unser Bildungswesen.
Bildung als Schlüsselressource des Jahrhunderts fängt bei den Kleinsten an. Frühe Förderung und Bildung sind ein entscheidendes Instrument zur Verbesserung von Chancengerechtigkeit und der Vermeidung von Armutskarrieren. Kitas gute Qualität vorausgesetzt fördern die soziale, emotionale und kognitive Entwicklung von Kindern. Für Kinder mit Migrationshintergrund sind Maßnahmen im frühesten Alter, z.B. zum Spracherwerb, der beste Integrationsansatz. Gute Kindertagesbetreuung ist die wichtigste Vorraussetzung für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Last but not least: Mütter und Väter sind über Kitas und Erzieherinnen besser für Familienbildung und beratung und weitere Unterstützungsangebote erreichbar.
Früh fördern - gut starten
Aus wissenschaftlicher Sicht gibt es keinerlei Zweifel: Der Schlüssel für lebenslanges Lernen liegt in der frühen Kindheit. Schon in den ersten Lebensmonaten fangen Kleinkinder an, das Lernen zu lernen. Im Alter bis zu sechs Jahren werden wichtige Grundlagen für kreative Entfaltung, für unbeirrten Forschergeist und eine entsprechende Lebenseinstellung gelegt. Deshalb haben neben den Eltern auch die Kindertagesstätten einen umfassenden Bildungsauftrag. In Berlin besuchen ca. 43 % aller Kinder unter drei Jarhen und über 90 % aller Kinder ab drei bis zum Schuleintritt einen Kindergarten. Das bietet die große Chance, familienergänzend oder auch familienausgleichend gemeinsam mit den Eltern für den guten Start in einen gelingenden Bildungsprozess zu sorgen.
Bildungsauftrag stärken
Frühkindliche Bildungsprozesse sind ganzheitlich und komplex. Bündnis 90/Die Grünen streiten seit Jahren für Kitas als Lebens-, Lern- und Erfahrungsorte, in denen frühes Lernen altersangemessen unterstützt wird. Es gilt, die vielfältigen Talente der kleinen Kinder, ihre Wissenspotenziale, ihre Mehrsprachigkeit, ihre emotionale Intelligenz, ihr soziales Lernen wie auch ihren Drang nach Bewegung umfassend zu fördern.
Mit dem Berliner Bildungsprogramm 2004 für Bildung, Erziehung und Betreuung von Kindern in Tageseinrichtungen bis zu ihrem Schuleintritt wurde der Bildungsauftrag der Kitas in sieben Bildungsbereichen (Körper, Bewegung, Gesundheit - Soziales und kulturelles Leben - Kommunikation: Sprachen, Schriftkultur und Medien - Bildnerisches Gestalten Musik - Mathematische Grunderfahrungen - Naturwissenschaftliche und technische Grunderfahrungen) präzisiert. Orientiert an der Lebenswelt der Kinder, kindlichen Aneignungsprozessen, Zielen und Bildungsaufgaben bietet es ErzieherInnen und auch Eltern vielfältige Anregungen für die Förderung der Kinder.
Die im Januar 2006 abgeschlossene Qualitätsvereinbarung und die zur Umsetzung des Bildungsprogramms erarbeiteten Materialien für die interne Evaluation tragen dazu bei, die pädagogische Arbeit in den Kitas weiter zu verbessern und auf ein für alle Träger geltendes Niveau zu bringen. Die Qualitätsstandards umfassen alle Bereiche des Kita-Alltags: Von der Tagesgestaltung, über Spiele, Projekte zur Lebensrealität der Kinder, Raumgestaltung bis hin zu Erziehungspartnerschaften mit den Eltern.
Gezielte (Sprach)Förderung
Die jährlichen Sprachstandserhebungen vor Schuleintritt zeigen: Viele Kinder mit Migrationshintergrund, aber auch deutscher Herkunftssprache beherrschen die deutsche Sprache nicht so, dass sie dem Unterricht folgen und sich aktiv beteiligen können. Sprachförderung muss deshalb bereits im Kindergarten mehr Beachtung geschenkt werden. Dabei muss - wie im Bildungsprogramm für die Kitas angelegt - Sprachförderung in einem umfassenden Sinne praktiziert werden und konzeptionell eingebunden sein. Die Einführung der Sprachlerntagebücher, die von den Kindern, ihren ErzieherInnen und Eltern geführt werden und die Fortschritte der Kinder dokumentieren, ist ein weiterer Baustein für eine frühzeitige und bessere Förderung der Kinder.
Qualität sichern
Eine wichtige Voraussetzung für mehr Qualität der Bildung und Erziehung in den Kindertagesstätten sind strukturelle Rahmenbedingungen (räumliche Gegebenheiten, Gruppengrößen, Freistellung für Leitungsaufgaben u.a.) sowie das erziehungswissenschaftliche und praktische Rüstzeug und die Fähigkeiten der ErzieherInnen. Zwischen dem im neuen Kitafördergesetz formulierten Anspruch und Wirklichkeit klaffen indes große Lücken: Personelle und finanzielle Ausstattung sind nach den Kürzungen von Rot-Rot in den vergangenen Jahren mager, die Kitas waren und sind durch die Hortverlagerung, Übertragungen und Gründung der KitaEigenbetriebe belastet, Aus- und Weiterbildung tragen den Anforderungen und Zielen bisher nur ungenügend Rechnung.
Bei der Umsetzung der zwischen Senat und Trägern vereinbarten Qualitätsentwicklung und Evaluation müssen die ErzieherInnen durch Fachberatung und Qualifizierung unterstützt werden. Die Entwicklung pädagogischer Konzepte und die Evaluation erfordern ebenso wie die verstärkte Einbeziehung der Eltern in die Bildungsprozesse der Kinder mehr Zeit, die den ErzieherInnen für die individuelle Förderung der Kinder fehlt. Notwendige Zeiten für Kooperation, Vor- und Nachbereitung, Beobachtung und Dokumentation müssen deshalb in der Personalbemessung berücksichtigt werden.
Auch die Aus- und Fortbildung der ErzieherInnen muss weiter verbessert werden, um in den Bereichen der interkulturellen Kompetenz, der Sprachförderung und Diagnosefähigkeit Fortschritte zu erzielen. Sie braucht neue Lehrpläne und Unterrichtsziele, die dem Bildungsauftrag der Kindertagesstätten gerecht werden. Perspektivisch muss die ErzieherInnenausbildung auf Fachhochschulniveau erfolgen, die eine wesentlich stärkere wissenschaftliche Fundierung beinhaltet.
Zugang sichern
Kindertagesstätten als eigenständige Lern- und Lebensorte sind wichtig für alle Kinder, insbesondere aber für Kinder aus bildungsmäßig und sozial benachteiligten Familien. Bündnis 90/Die Grünen wollen, dass auch die 5 bis 10 % der Berliner Kinder, die heute noch keinen Kindergarten besuchen, Zugang zu früher Förderung bekommen. Kinder mit Sprach- und Entwicklungsverzögerungen sollen die Kita möglichst früh sowie ganztags besuchen können, auch wenn die Eltern nicht berufstätig sind. Um Kindern aus einkommensarmen Familien den Zugang zu sichern, muss der Besuch der Kita als Bildungsreinrichtung für die Eltern beitragsfrei werden. Ein erster Schritt ist das von uns GRÜNEN lange geforderte und von rot-rot jetzt endlich beschlossene kostenfreie letzte Kindergartenjahr. Wichtig sind aber auch neue Formen der Ansprache und Kontaktaufnahme für Eltern, die bisher keinen Zugang und wenig Kenntnisse über Bildungsprozesse der Kinder haben, wie z. B. die Einbeziehung von Mütterkursen oder Integrationskursen für MigrantInnen.
Kitas zu Kinder- und Familienzentren entwickeln
Die Erziehung der Kinder stellt Eltern heute vor besondere Herausforderungen: Die Bedingungen des Aufwachsens für Kinder haben sich stark verändert. Bewegungs- und Freiräume im Wohnumfeld werden kleiner, soziale Probleme nehmen zu, die Ansprüche an Bildung und Qualifikation sind gestiegen. Erziehungsunsicherheiten und -probleme und geringe Austausch- und Kontaktmöglichkeiten sind Alltag in vielen Familien. Eltern brauchen deshalb Beratung und Unterstützung, um Beruf und Familie unter einen Hut zu bringen und ihren Kindern ein Höchstmaß an Bildung und sozialen Kompetenzen zu ermöglichen.
Kindertageseinrichtungen bieten sich dafür geradezu an. Sie sind ein idealer Ort, Angebote der Tagesbetreuung mit Angeboten der Familienförderung zu verbinden. Als Kinder- und Familienzentren können sie Elterncafés, Babysitter-Dienste und Familienberatung für alle Eltern anbieten, sowie Integrationskurse für Mütter und Väter mit Migrationshintergrund. So entstehen Orte, wo Eltern zusammenkommen und gemeinsam ihre Fragen klären können. Orte, wo sie sich informieren und auf das Wissen von ExpertInnen zurückgreifen können. Das ist wichtig für alle Eltern, besonders jedoch für Familien in schwierigen sozialen Verhältnissen und Migrantenfamilien. So wird gebündelt, was nötig ist, um aus dem Teufelskreis von Armut und Bildungsferne auszubrechen.
Elfi Jantzen, MdA
links zum Thema:
Das Berliner Bildungsprogramm 2004 für Bildung, Erziehung und Betreuung von Kindern in Tageseinrichtungen bis zu ihrem Schuleintritt Mehr
Vereinbarung über die Qualitätsentwicklung in Berliner Kindertagesstätten Qualitätsvereinbarung Tageseinrichtungen - QVTAG - Mehr
http://www.daks-berlin.de/downloads/qvtagendfassung.pdf
Eltern-Kind-Zentren - Die neue Generation kinder- und familienfördernder Institutionen. Grundlagenbericht im Auftrag des BMFSFJ. 2005 Mehr
http://cgi.dji.de/bibs/411_Grundlagenbericht_Eltern-Kind-Zentren.pdf
Verein "Early Excellence-Zentrum für Kinder und ihre Familien" Mehr
